{"id":119,"date":"2018-10-20T15:00:04","date_gmt":"2018-10-20T15:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/?p=119"},"modified":"2018-10-20T16:41:53","modified_gmt":"2018-10-20T16:41:53","slug":"unter-jedem-dach-wohnt-ein-ach","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/?p=119","title":{"rendered":"Unter jedem Dach wohnt ein Ach"},"content":{"rendered":"<p>Die Gro\u00dfmutter kehrt von einem Plausch mit der netten Nachbarin, Frau Hecke, zur\u00fcck. Sie hatten sich gegenseitig die neuesten Nachrichten aus der S\u00fcderstrasse erz\u00e4hlt. Im Vorbeigehen streicht sie Jette liebevoll \u00fcber den Kopf und murmelt: \u201eJa ja, unter jedem Dach wohnt ein &#8218;Ach&#8217;\u201c, um dann kopfsch\u00fcttelnd durch die Kl\u00f6nschnackt\u00fcr in ihrem kleinen H\u00e4uschen zu verschwinden.<\/p>\n<p>&#8222;Ein &#8218;Ach&#8216;, was mag das wohl sein?&#8220;, denkt Jette. Ein Kobold? Ein kleines wildes Tier? Oder wom\u00f6glich etwas unvorstellbar Gruseliges? Und dann auch noch unter jedem Dach. Sie schaut sich Omis Haus noch einmal etwas genauer an: die wei\u00df gekalkte Fassade mit den kleinen Fenstern, durch die bunt gebl\u00fcmte Vorh\u00e4nge wehen, das tief hinuntergezogene rote Ziegeldach, die Regenrinne, unter der die Schwalben ihre Nester gebaut haben, und den windschiefen Schornstein. Wo soll denn da das &#8218;Ach&#8216; wohnen? Vielleicht auf dem kleinen Spitzboden unter dem Ziegeldach, oder in der kleinen dunklen Nische hinter der Bodentreppe? Jette bekommt eine G\u00e4nsehaut.<\/p>\n<p>Sie beschlie\u00dft, ihre Gro\u00dfmutter noch einmal genauer nach dem &#8218;Ach&#8216; zu befragen und l\u00e4uft schnell in die gem\u00fctliche K\u00fcche, in der die Gro\u00dfmutter das Mittagessen zubereitet. Heute soll es Jettes Lieblingsessen geben. Milchreis mit Zimt und Zucker und eine gro\u00dfe Schale mit hei\u00dfen Kirschen. Hmmm, lecker, freut sich Jette.<\/p>\n<p>\u201eOmi, wohnt eigentlich auch unter unserem Dach ein &#8218;Ach&#8216;?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa nat\u00fcrlich, meine Kleine, unter jedem Dach wohnt ein &#8218;Ach&#8216;.\u201c Langsam l\u00e4sst sie den Reis in die hei\u00dfe Milch rieseln und r\u00fchrt mit einem alten Holzkochl\u00f6ffel kr\u00e4ftig im Topf.<\/p>\n<p>\u201eUnd wo genau?\u201c Jette l\u00e4sst nicht locker. \u201cUnd wie sieht es aus?\u201c<\/p>\n<p>Oma schmunzelt und sagt: \u201eSchau dich nur ruhig um. Ich bin ganz sicher, dass du es finden und erkennen wirst.\u201c<\/p>\n<p>Nach dem Mittagessen macht sich Jette auf die spannende Suche. Sie tastet sich die wackelige Spitzbodentreppe hinauf, und nachdem sie die alte, morsche T\u00fcr ge\u00f6ffnet und sich kurz umgeschaut hat, ruft sie eher z\u00f6gerlich: \u201cWohnt hier ein &#8218;Ach&#8216;?\u201c. &#8211; Keine Antwort. Dann ruft sie noch einmal etwas lauter: \u201eWohnt hier ein &#8218;Ach&#8216;??!\u201c Nichts, niemand antwortet ihr. Sie schaut sich auf dem alten Dachboden um. Die alten Dielen sind morsch und zerfallen, durch das Dach glitzert die Sonne. So viele Ziegel fehlen schon, und der Schornstein zerbr\u00f6selt langsam zu Staub. \u00c4chzend schlie\u00dft sich die alte T\u00fcr hinter ihr. Das Ger\u00e4usch, das sie dabei macht, h\u00f6rt sich f\u00fcr Jette wie ein gequ\u00e4ltes \u201eAch\u201c an. Und noch ein Ger\u00e4usch l\u00e4sst sie \u00e4ngstlich zusammenzucken. Ein unheimliches Rascheln, ein Grunzen, ein Strunzen und Grieseln und ein furchtbar lautes R\u00fclpsen erf\u00fcllt die alte Dachkammer!<\/p>\n<p>\u201eAch?\u201c, ruft sie noch einmal z\u00f6gerlich &#8211; und duckt sich schnell unter dem morschen Balken. Sie zittert vor Angst, die G\u00e4nsehaut l\u00e4uft ihr rauf und runter, hin und her, kreuz und quer.<\/p>\n<p>\u201eJohoo\u201c, schnarrt eine rostige, rauchige Stimme. \u201eWer st\u00f6rt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJettete\u201c, stottert Jette, \u201eich bin`s Jette.\u201c Und sie schaut sich \u00e4ngstlich nach der Stimme um. Da sieht sie es. Ein unbeschreibliches Etwas sitzt schr\u00e4g unter der Dachluke, in der einen Hand einen roten Dachziegel, in den er gen\u00fcsslich reinbei\u00dft, und mit der anderen Hand zerbr\u00f6selt er ein St\u00fcck Dachbalken zwischen den dicken Fingern. Krachend bei\u00dft er ein weiteres St\u00fcck vom Ziegel ab. Die struppigen Haare stehen nach allen Seiten ab. Seine Kleider sind schmutzig und zerrissen und seine F\u00fc\u00dfe starren vor Dreck. Und wie Es riecht! Jette sch\u00fcttelt sich.<\/p>\n<p>\u201eJohoo Jette, was willst du?\u201c, und dabei staubt eine dicke rote Wolke aus seinem Mund.<\/p>\n<p>\u201eIch, ich &#8230; bist du ein &#8218;Ach&#8216;?\u201c, fl\u00fcstert Jette. Jetzt ist es raus. Jette ist vor Angst schon ganz \u00fcbel.<\/p>\n<p>\u201eJohoo, ich bin ein &#8218;Ach&#8216;. Warum fragst du? Was willst du von mir? Was ist los?\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnter jedem Dach wohnt ein &#8218;Ach&#8216;, hat Omi gesagt. Ich wollte nur mal schauen, ob das stimmt\u201c, fl\u00fcstert sie. \u201eWas machst du denn hier blo\u00df?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch bringe Ungedei in`s Haus, ganz einfach!\u201c, lacht er schelmisch und bei\u00dft krachend in den Ziegel.<\/p>\n<p>\u201eAber warum machst du das? Du machst hier ja alles kaputt. H\u00f6r auf damit!\u201c Jettes Angst verfliegt langsam und in ihr kriecht stattdessen eine gewaltige Ladung Wut hoch.<\/p>\n<p>Das &#8218;Ach&#8216; kringelt sich vor Lachen. \u201eJohoo, ich zerst\u00f6re, ich mach kaputt, ich bringe \u00c4rger, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Leid und Not. Joh &#8211; hihihihi, einfach alles was euch pfurzteufelkreuzungl\u00fccklich macht!\u201c<\/p>\n<p>Jette l\u00e4sst sich sprachlos auf die alten Dielen niedersinken, und in ihrem Kopf f\u00e4ngt es an zu summen und zu brummen. Sie muss an die vielen schrecklichen Dinge denken, die sie in letzter Zeit erlebt und von denen sie geh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p>Die Arbeitslosigkeit ihres Vaters, die schwere Krankheit ihres Opas, Mamas kaputtes Auto, das abgebrannte Haus in der Nachbarschaft.<\/p>\n<p>Sie fragt nach: \u201eHast du was mit Papas Arbeitslosigkeit zu tun? Und mit Mamas kaputtem Auto?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJoh, das war euer &#8218;Ach&#8216; unter eurem Dach\u201c<\/p>\n<p>\u201eOpas Krankheit?\u201c \u201eJoh, Opas &#8218;Ach&#8216; unter seinem Dach\u201c!<\/p>\n<p>\u201eDas Feuer bei den Nachbarn?\u201c \u201eJoh, das war Nachbars &#8218;Ach&#8216; unter dem Dach.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd meine Fehler bei den Schularbeiten, die hinkende Henne und die zerst\u00f6rte Fahrradfelge?\u201c Jette wird jetzt richtig sauer.<\/p>\n<p>\u201eJoh, joh, joh, joh!!!\u201c Das &#8218;Ach&#8216; reibt sich vor Freude die H\u00e4nde und staubt fr\u00f6hlich vor sich hin.<\/p>\n<p>Jette sch\u00fcttelt sich und denkt an schwere \u00dcberflutungen, Erdbeben und Vulkanausbr\u00fcche, Kriege und Erdrutsche auf der ganzen Welt.<\/p>\n<p>\u201eDas alles habt ihr &#8218;Achs&#8216; getan?\u201c, fragt Jette leise.<\/p>\n<p>\u201eJohhh, n\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6, na, wir k\u00f6nnen ja auch nicht immer und \u00fcberall sein, Donnernochmalzu!\u201c grunzt das &#8218;Ach&#8216; und wird ein bisschen rot unter den staubigen Wangen.<\/p>\n<p>\u201eAber warum nur, warum seid ihr so b\u00f6se und gemein?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJiph, b\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6se? Gemeiheini? Pah, was ist das schon? Wer das nicht wei\u00df? Pah!\u201c, blafft das &#8218;Ach&#8216;. \u201eBist du heute schon drau\u00dfen gewesen? Was hast du heute gesehen. Hast du auf dich und den Garten, die Oma, deine Eltern, dein Fahrrad, die kranke Henne und die Schularbeiten geachtet? Und was hast du gesehen? Das, was kaputt, misslungen, und krank ist? Oder das, was gelungen, sch\u00f6n heil und gesund ist? Pah!\u201c Das &#8218;Ach&#8216; springt von einem Balken zum anderen und hangelt sich mit den Armen an den Dachsparren zur\u00fcck. \u201eDu siehst nur die Fehler in deiner Schularbeit, aber nicht wie viel du richtig sch\u00f6n gemacht hast. Du siehst die hinkende Henne, aber nicht wie viel Freude sie dir immer macht und wie viele sch\u00f6ne runde Eier sie immer noch legt, und das Fahrrad &#8211; wie sch\u00f6n ist es wohl, wenn du wieder auf deinem Fahrrad sitzen darfst und damit fahren kannst? Wie weit hat dich dieses Fahrrad schon getragen? Ist das nicht toll? OOOOch , und jetzt ist die Felge von deinem &#8218;Ach&#8216; unter deinem Dach angeknabbert! Pah! Was wollte er dir wohl damit sagen?\u201c<\/p>\n<p>Jette duckt sich und fragt leise: \u201eDass ich mehr auf meine Sachen achten soll?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJupp, du sollst auf deine Sachen achten und auf andere Sachen achten und \u00fcberhaupt die Augen aufmachen und Acht geben! Paff!\u201c<\/p>\n<p>Jette schaut aus dem kleinen Dachlukenfenster und sieht den strahlend blauen Himmel. Unten im Garten summen die Bienen. Zwischen den Bl\u00fcten der Rabatten glitzern viele kleine Sonnenstrahlen. Die V\u00f6gel picken winzige Samenk\u00f6rner auf und im Schatten des prall gef\u00fcllten Apfelbaums macht Omi in ihrem Liegestuhl ein Nickerchen.<\/p>\n<p>&#8222;Wie sch\u00f6n&#8220;, denkt Jette und geht ein St\u00fcckchen zur Seite, um dem &#8218;Ach&#8216; Platz zu machen. Aber wo steckt das &#8218;Ach&#8216;?<\/p>\n<p>\u201cAch?\u201c, ruft Jette verwundert, aber sie sieht nur eine feine Staubwolke unter dem Dachstuhl.<\/p>\n<p>\u201eAch\u201c, sagt Jette und klettert vorsichtig die alte Stiege hinab.<\/p>\n<p>Nachdenklich geht sie in den Garten und kommt an dem kleinen Vogelhaus vorbei. Die Vogelmutter fliegt eifrig hin und her, um ihre hungrigen K\u00fcken zu f\u00fcttern.<\/p>\n<p>\u201eHallo Vogelmutter, wohnt unter Deinem Dach auch ein &#8218;Ach&#8216;?\u201c, fragt Jette. \u201ePiep\u201c sagt die Vogelmutter und Jette versteht, als sie sie weiter beobachtet. Die Vogelmutter hat gro\u00dfe M\u00fche, ihre K\u00fcken sattzubekommen, weil \u00fcberall die Natur immer weniger wird, immer mehr Stra\u00dfen gebaut werden und es immer weniger Futterpl\u00e4tze f\u00fcr die V\u00f6gel gibt.<\/p>\n<p>Jette streut ein paar Haferflocken in das Vogelhaus, geht durch das Gartentor auf die Stra\u00dfe hinaus und wendet sich dem alten Hund von gegen\u00fcber zu, der tr\u00e4ge vor seiner Hundeh\u00fctte liegt.<\/p>\n<p>\u201eHallo Stoffel, wohnt unter deinem Dach auch ein &#8218;Ach&#8216;?\u201c \u201eWuff!&#8220;, sagt der alte Hund und Jette versteht. Seine gute Freundin, die kleine Terrierh\u00fcndin Vicky ist weggezogen und nun sind die Tage lang und \u00f6de f\u00fcr den Hund geworden. Er ist traurig und f\u00fchlt sich allein.<\/p>\n<p>Jette krault dem alten Hund den Nacken und h\u00fcpft weiter.<\/p>\n<p>Unter der Veranda im Nachbarhaus wohnt die Katze Muschi. \u201eMuschi, wohnt unter deinem Dach auch ein &#8218;Ach&#8216;?\u201c, fragt Jette. \u201eMiau\u201c sagt die Katze und Jette versteht.<\/p>\n<p>Die Katze war bei dem Versuch, einen Fisch aus dem Gartenteich zu stibitzen, in ein Dornengeb\u00fcsch geraten und hatte sich die Pfoten verletzt, die sie nun ausgiebig leckt und schleckt. Jette streicht vorsichtig \u00fcber die verletzten Pfoten und l\u00e4uft die Stra\u00dfe hinunter.<\/p>\n<p>Sie stolpert fast \u00fcber einen kleinen Igel, der sich \u00fcber die Stra\u00dfe kugelt. \u201eHallo Igel, wohnt unter Deinem Dach auch ein &#8218;Ach&#8216;?\u201c, ruft Jette ihm hinterher. \u201eFiiep\u201c, sagt der Igel und Jette versteht. Er ist aus seinem Bl\u00e4tterhaufenhaus von einem neugierigen Hund vertrieben worden. Jette winkt ihm hinterher.<\/p>\n<p>Am Ende der Stra\u00dfe trifft sie die Nachbarin, Frau Hecke, mit der die Oma so gerne Neuigkeiten austauscht. \u201eWohnt unter Deinem Dach ein &#8218;Ach&#8216;?\u201c \u201eOh ja&#8220;, sagt Frau Hecke. \u201cManchmal denke ich, dass sogar ganz viele &#8218;Achs&#8216; bei mir unter meinem Dach wohnen.\u201c \u201eUnd was machen die &#8218;Achs&#8216; so bei dir?\u201c, fragt Jette neugierig. \u201eAch\u201c, st\u00f6hnt Frau Hecke, \u201edas habe ich gerade deiner Oma schon erz\u00e4hlt. Manchmal tut mir der R\u00fccken so weh, der Wasserhahn tropft und meine Waschmaschine ist kaputt. So sehen meine &#8218;Achs&#8216; aus.\u201c \u201eOOhh\u201c, sagt Jette, sie versteht, denkt an das alte bauf\u00e4llige Haus der Omi und wie viele &#8218;Achs&#8216; sie dort wohl schon ausgesto\u00dfen hat. Sie verabschiedet sich schnell und hastet zur\u00fcck zur Oma, die gerade ihren Mittagsschlaf beendet hat.<\/p>\n<p>\u201eOmi, es stimmt, unter jedem Dach wohnt ein &#8218;Ach&#8216;, ich habe ganz viele getroffen.\u201c Die Gro\u00dfmutter lacht und sagt: \u201eDann geh mal schnell zum Bauernhof runter. Unter dem Scheunendach sind gerade neue L\u00e4mmer geboren.\u201c<\/p>\n<p>\u201cAch\u201c, ruft Jette freudig und l\u00e4uft so schnell sie kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gro\u00dfmutter kehrt von einem Plausch mit der netten Nachbarin, Frau Hecke, zur\u00fcck. 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