{"id":58,"date":"2006-12-17T09:26:31","date_gmt":"2006-12-17T09:26:31","guid":{"rendered":"http:\/\/doerteneu.beckmerhagen.me\/?p=58"},"modified":"2021-02-10T16:59:23","modified_gmt":"2021-02-10T16:59:23","slug":"immergruen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/?p=58","title":{"rendered":"Immergr\u00fcn"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine Weihnachtsgeschichte &#8211; und die meiner Vorfahren<\/p>\n\n\n\n<p><strong><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3062\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-58-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Immergru\u00cc\u0088n.m4a?_=1\" \/><a href=\"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Immergru\u00cc\u0088n.m4a\">http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Immergru\u00cc\u0088n.m4a<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_m4a\" style=\"margin-bottom: 1px !important;\">Podcast: <a href=\"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Immergru\u00cc\u0088n.m4a\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/?powerpress_pinw=58-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Immergru\u00cc\u0088n.m4a\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"Immergru\u00cc\u0088n.m4a\">Download<\/a><\/p><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zimtstern, Bratapfel, dunkelbrauner Gew\u00fcrzkuchen mit Schokoglasur und der Duft von Tannengr\u00fcn &#8211; das ist mein Weihnachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganz einfachen, sinnlichen Empfindungen &#8211; Aromen, die zu einem Weihnachtsfest geh\u00f6ren. Ein Herd, der so blank poliert scheint, wie sonst das ganze Jahr nicht. Am knisternden Ofen die W\u00e4rme auf der Haut sp\u00fcren &#8211; und viele Kerzen, die alles in ein warmes Licht tauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich brauche keine Geschenke. Das duftende Gr\u00fcn einer festlich bunt geschm\u00fcckten Tanne ist f\u00fcr mich das Symbol von Frieden, Harmonie, Gl\u00fcck und Zusammenhalt der Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit meine Erinnerungen zur\u00fcckreichen, schm\u00fcckt mein Vater den Weihnachtsbaum.<\/p>\n\n\n\n<p>Stundenlang h\u00e4ngt er kleine Holzfiguren, bunt bemaltes Blechspielzeug, selbst gebastelte Girlanden aus lang zur\u00fcckliegenden Kindergartentagen und inzwischen auch die gefalteten Werke seiner kleinen Enkelt\u00f6chter in den Baum.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Kr\u00f6nung des Ganzen b\u00fcgelt meine Mutter Jahr f\u00fcr Jahr die roten B\u00e4nder f\u00fcr die Schleifen auf, die dem Weihnachtsbaum den letzten Schliff geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 44 Jahren ist es so der Brauch. Seit 44 Jahren pilgert die ganze Familie, meine Br\u00fcder, die alleinstehende Schwester meiner Mutter, eine gute Freundin der Familie, und heute auch mein Mann, seine S\u00f6hne, unsere gemeinsame Tochter und eine weitere Enkelin zu meinen Eltern.<\/p>\n\n\n\n<p>Und in all den Jahren hat es nur eine Panne gegeben. In jenem Jahr war der Baum &#8211; wie immer &#8211; wundersch\u00f6n geschm\u00fcckt. Alle sagten das &#8211; und doch war diesmal etwas anders an ihm als sonst.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder gr\u00fcbelte f\u00fcr sich dar\u00fcber, was wohl mit dem Baum nicht stimme &#8211; bis mir am 2. Weihnachtstag auffiel, dass eben jene roten Schleifen fehlten, die meine Mutter seit Jahren pflegte. Mein Vater hatte schlicht vergessen, sie anzubringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Ritual. &#8211; Dann in dem entscheidenden Moment, wenn meine Mutter im Wohnzimmer leise auf dem Klavier das erste Weihnachtslied &#8222;O, Tannenbaum&#8220; anstimmt, f\u00fchle ich selbst in mir wieder die Aufregung und ahne, wie es heute im Bauch meiner kleinen Tochter kribbelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Weihnachtsbaum hatte es f\u00fcr meinen Vater nicht immer gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>In Angerburg, im damaligen Ostpreu\u00dfen geboren, erlebte er wundersch\u00f6ne Kindertage &#8211; satte Felder, dunkelblau spiegelnde Seen und die immergr\u00fcnen W\u00e4lder Masurens.<\/p>\n\n\n\n<p>Weihnachten wurde in dem eleganten Stadthaus der Eltern pr\u00e4chtig gefeiert. Seine Mutter Ida, eine gelernte K\u00f6chin, zauberte ein gro\u00dfartiges Weihnachtsmahl f\u00fcr die gro\u00dfe Familie. Der Weihnachtsbaum war festlich geschm\u00fcckt; im Ofen knisterte und duftete das Holz. Das ganze Haus strahlte vor W\u00e4rme und Geborgenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann der Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater ist gerade f\u00fcnf Jahre alt, als die Einberufung seines Vaters zum Volkssturm folgt. Kurz danach, im eiskalten Winter 1944\/45, die Flucht aus der Heimat mit der hochschwangeren Mutter und seinen zwei kleinen Geschwistern.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gro\u00dfe Treck gen Westen &#8211; \u00fcber Heilsberg, K\u00f6nigsberg, Metgethen bis nach Pillau.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Panik, nicht mehr auf das gro\u00dfe Schiff, die &#8222;Wilhelm Gustloff&#8220;, gekommen zu sein &#8211; dann die ersch\u00fctternde Meldung, dass die &#8222;Gustloff&#8220; von drei Torpedos getroffen mit sechstausend Menschen an Bord gesunken ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erleichterung, als endlich ein Schiff die Familie aufnimmt und an der Halbinsel Hela vorbei nach Godenhaven bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gl\u00fcck, als ein junger Kapit\u00e4n nach einem Nervenzusammenbruch des kleinen Bruders ein Einsehen hat und meine Gro\u00dfmutter mit ihren Kindern \u00fcber die Ostsee bis nach Schleswig-Holstein bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ungewissheit um den Vater.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verlust der Heimat und der unbeschwerten Kindheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Gro\u00dfvater Gustav kehrt im Jahr 1946 aus englischer Kriegsgefangenschaft zur\u00fcck. Er findet seine Familie in zwei kleinen Zimmern \u00fcber einem Stall auf einem Bauernhof in Dithmarschen wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Seinen j\u00fcngsten Sohn, mit dem Ida hochschwanger die Flucht aus Ostpreu\u00dfen antreten musste, sieht er dort das erste Mal. Was Gustav in dem Krieg gesehen und erlebt hatte &#8211; dar\u00fcber sprach er niemals.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Gro\u00dfmutter Ida &#8211; eine herzliche, rundum liebenswerte, warme Frau &#8211; schafft es, ihrem Mann und den Kindern ein behagliches Zuhause in der neuen Heimat zu schaffen. Unerm\u00fcdlich arbeitet sie im neuen Haus auf dem alten Sommerdeich und im Garten, weckt rote und gelbe Mirabellen ein, br\u00e4t knusprige H\u00fchnchen, backt Mohnschnecken, wie ich sie nie wieder gekostet habe, und hat trotz der vielen Arbeit immer ein liebes Wort oder eine Umarmung f\u00fcr ihre Kinder und Enkelkinder \u00fcbrig.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Weihnachtsfest bereitet sie f\u00fcr ihre Familie mit besonders viel Liebe vor. Das Haus duftet nach gutem Essen. Seit Tagen hatte sie gekocht und gebacken &#8211; den Fu\u00dfboden gebohnert, den Herd blank poliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Weihnachtsbaum? Nein, einen Weihnachtsbaum gibt es in Gustav&#8217;s und Ida&#8217;s Haus auf dem Sommerdeich nicht. Gro\u00dfvater Gustav weigert sich, einen Baum aufzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Baum &#8211; immergr\u00fcn &#8211; eine Tanne aus den dunklen W\u00e4ldern? Wie in Ostpreu\u00dfen? Nein!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Weihnachtsbaum wie in alten Zeiten &#8211; wie in der alten Heimat? Nein!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Weihnachtsbaum steht dort, wo die Heimat, das Zuhause, Frieden, Gl\u00fcck und die Familie sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier in Dithmarschen ist nicht seine Heimat.<\/p>\n\n\n\n<p>Frieden? Das war einmal. Gl\u00fcck? Lange her. Die Familie? Tot oder in ganz Deutschland verstreut.<br>Ein Weihnachtsfest mit geschm\u00fccktem Weihnachtsbaum im eigenen Zuhause hat es f\u00fcr diese Familie nie mehr gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Gustav war ein gro\u00dfer, starker, st\u00f6rrischer, aber gebrochener Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Alter wurde er milder.<\/p>\n\n\n\n<p>Im hohen Alter hatte er nur noch diesen einen Wunsch: &#8222;Noch einmal die alten Wege laufen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Dies aber durfte und wollte er nicht mehr erleben. Zu gro\u00df war die Angst vor dem, was aus seiner alten Heimat geworden ist. Zu sehen, dass die alten H\u00e4user nicht mehr stehen, dass die geliebten Menschen nicht mehr leben, dass die Seen nicht mehr dunkelblau, die Felder nicht mehr bestellt, die W\u00e4lder nicht mehr immergr\u00fcn sind?<\/p>\n\n\n\n<p>Erst nach der Hochzeit mit meiner Mutter hat mein Vater zum ersten gemeinsamen Weihnachtsfest in der damals winzigen Wohnung eine kleine, gr\u00fcne Tanne aufgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat liebevoll die ersten Engel und silbrig gl\u00e4nzende Christbaumkugeln angebracht. Meine Mutter hat die ersten roten Schleifen gebunden. Und die Beiden erlebten nicht nur ihr erstes, eigenes gemeinsames Weihnachtsfest. Mein Vater erlebt auch sein erstes Fest mit einem geschm\u00fcckten Christbaum seit seiner Ankunft vor vielen, vielen Jahren in Dithmarschen.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Jahr wird wieder die ganze Familie, die Schwester meiner Mutter und die Freundin der Familie zu meinen Eltern pilgern &#8211; mit Geschenken in den Armen. Die M\u00e4nner der Familie bestehen darauf. Und mein Vater wird zum 45. Mal den Tannenbaum schm\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Er wird wieder in die gl\u00e4nzenden Augen seiner kleinen Enkelinnen schauen, die in froher Erwartung auf die Kl\u00e4nge aus dem Wohnzimmer lauschen, in dem meine Mutter auf dem Klavier das &#8222;O, Tannenbaum&#8220; Lied anstimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;O, Tannenbaum, o Tannenbaum, wie gr\u00fcn sind deine Bl\u00e4tter&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Oh ja, immer wieder &#8211; f\u00fcr immer &#8211; immergr\u00fcn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Weihnachtsgeschichte &#8211; und die meiner Vorfahren Zimtstern, Bratapfel, dunkelbrauner Gew\u00fcrzkuchen mit Schokoglasur und der Duft von Tannengr\u00fcn &#8211; das<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":37,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-58","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/58","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=58"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/58\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":131,"href":"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/58\/revisions\/131"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/37"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=58"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=58"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/doerte.beckmerhagen.me\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=58"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}